Verweste Leiche eines êzîdîschen Mannes, der auf dem Shingal Gebirge verdurstete. Aufgefunden von êzîdîschen Kämpfern | © êzîdîPress
Verweste Leiche eines êzîdîschen Mannes, der auf dem Shingal Gebirge verdurstete. Aufgefunden von êzîdîschen Kämpfern am 21. September 2014 | © êzîdîPress

Shingal (Irak) – Zehntausende Êzîden sind nach dem Angriff der Terroristen des Islamischen Staat (IS) am 3. August in Shingal auf das Gebirge geflüchtet, um sich dort vor drohenden Massakern in Sicherheit zu bringen. Auf dem Gebirge angekommen war die Lebensgefahr jedoch bei fast 50° Hitze längst nicht gebannt. Weil sie keine Zeit mehr hatten das Nötigste mitzunehmen, ist der Großteil der Flüchtlinge mit der bloßen Kleidung am Leib auf das Gebirge geflohen. Dort erwartete sie nur kurze Zeit Sicherheit vor dem IS-Terror, Durst dehydrierte sie binnen weniger Stunden. Von den IS-Terroristen umzingelt war es den Menschen nicht möglich, vom Gebirge hinabzusteigen.

Was sich dann in den darauffolgenden Tagen und Wochen auf dem Gebirge ereignete entbehrt jeglichem Versuch der Erläuterung. Vor allem Kleinkinder, Alte und schwangere Frauen gehörten zu den ersten Opfern. Vor Hunger aßen Kinder Blätter umliegender Bäume und Sträucher, vergifteten sich teilweise und starben. Um ihren durstigen Kinder überhaupt etwas Flüssigkeit zuzuführen und sie so vor dem sicheren Tod zu retten, schnitten sich Eltern in den Finger um ihren Kindern ihr eigenes Blut zum Trinken zu geben. Auf dem Gebirge geborene Kinder starben an der mangelhaften Versorgung. Frauen stürzten sich von den Klippen, weil sie fürchteten von den IS-Terroristen vergewaltigt zu werden – andere aus Verzweiflung, weil sie einen Angehörigen verloren hatten. Binnen zweier Tage sind über 300 Kleinkinder vor Durst gestorben.

Auf dem Shingal-Gebirge verdurstet: verweste Leiche einer êzîdîschen Frau mit traditioneller Tracht. Aufgefunden von êzîdîschen Kämpfern | © êzîdîPress
Auf dem Shingal-Gebirge verdurstet: verweste Leiche einer êzîdîschen Frau mit traditioneller Tracht. Aufgefunden von êzîdîschen Kämpfern am 21. September 2014 | © êzîdîPress

Eine Tragödie im 21. Jahrhundert. Nun, nachdem die auf dem Gebirge gestrandeten Êzîden befreit und das Gebirge weitestgehend unter der Kontrolle êzîdîscher Kämpfer und kurdischer Streitkräfte ist, werden bei Erkundungen immer mehr Leichen von verstorbenen Êzîden aufgefunden. Die allermeisten verdurstet. Die Gesamtzahl der Toten wird erst ermittelt werden können, wenn die gesamte Region vom IS-Terror befreit worden ist. Sicher ist nur, dass die Statistik tausende Opfer zählen wird. Neben den zu Tausenden in den Dörfern von IS-Terroristen massakrierten êzîdîschen Frauen, Kindern und Männern. Lebendig begraben, auf Leichenberge geworfen und in dutzenden Massengräbern verscharrt haben sie den seit Jahrtausenden von Êzîden bewohnten Boden mit dem Blut unschuldiger Zivilisten getränkt – für die Flüchtlinge und Betroffenen so schmerzlich, dass sie nicht mehr in ihr Dorf zurückkehren möchten.

êzîdîPress, 21. Sept. 2014