Aus der Hölle der IS-Terrormiliz entkommene Êzîdîn im Nordirak
Aus der Hölle der IS-Terrormiliz entkommene Êzîdîn im Nordirak

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Gastkommentar | Sima Derwesh

Diliar S., eine junge êzîdîsche Frau, landet nach einem vierstündigen Flug vom kurdischen Erbil am Flughafen in Düsseldorf. Sie ist eine von tausenden Frauen, Mädchen und Kindern, die von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) aus dem êzîdîschen Hauptsiedlungsgebiet Shingal im Nordirak verschleppt, mehrfach vergewaltigt und gefoltert wurden. Diliar konnte nach Monaten in Gefangenschaft, nach Monaten körperlicher Misshandlungen entkommen. Mit ihr und den anderen Frauen hat der selbsternannte Gottesstaat der Terrormiliz die Sklaverei wiederbelebt. Als das wirkliche Ausmaß dieser Gräuel bekannt wird, herrscht weltweites Entsetzen.

Vor den Augen Diliars wurden ihre Mutter, ihr Vater, ihre Schwestern und Brüder, mehrere Cousins, Onkel und Tanten hingerichtet. Über 16 Angehörige haben die IS-Terroristen ihr genommen. Als sie aus den Fängen der IS-Terroristen entkommt, ist sie durch die Erlebnisse traumatisiert. Was ihr bleibt, ist ein karges Flüchtlingszelt in der kurdischen Region im Nordirak, das sie sich mit weiteren misshandelten Frauen teilt. Sie und eine weitere Êzîdîn sollen der Welt nun von den Gräueltaten des IS berichten, ein Zeugnis über die Gewalt an Frauen, die im Gottesstaat von erbarmungslosen Männern als Selbstverständlichkeit gelebt wird, ablegen.

In Straßburg und Berlin sollen sie vor Politikern treten und ihr Schicksal darlegen. Organisiert wurden die Treffen von Mitgliedern der Regierungspartei der Demokratischen Partei Kurdistans (PDK), der Partei des Präsidenten Massud Barsani, in Europa. Darunter aber auch PDK-Politikerin Vian Dakhil. Als sie zusammen mit einer älteren Dame, die drei Söhne (Peshmerga) im Krieg gegen den IS verloren hat, in Düsseldorf landet, fehlt eine der êzîdîschen Frauen. Sie weigerte sich letztlich, den Flug anzutreten.

Diliar landet in Düsseldorf, wo sie vorwiegend von einer Horde von Männern empfangen wird, ein Kamerateam steht bereit, Fahnen und Schale mit dem Logo der PDK füllen den Empfangsterminal, es wird bewusst eine feierliche Atmosphäre inszeniert. Nur wenige Frauen sind anwesend, Êzîdînnen, die sich um ihr Wohl sorgen. Zurecht, wie sich herausstellen wird.

Diliar wird vor die Kamera gezerrt, versteht die Fragen der Reporterin nicht so recht, weil sie Soranî spricht, Männer hinter und neben ihr geben ihr die Antworten vor, zerren sie anschließend hin und her – jeder will ein Bild mit der vergewaltigen Frau, die aus der IS-Gewalt entkommen konnte. Von Diskretion keine Spur. Was Diliar selbst möchte, ist unwichtig. Wichtig ist, dass die Kamera alles einfängt. Niemand der Organisatoren fragt, ob sie sich ausruhen möchte, etwas essen, zur Toilette gehen oder vielleicht gar keine Kamera möchte.

Ankunft von Diliar und der Mutter gefallener Peshmerga in Düsseldorf
Ankunft von Diliar und der Mutter gefallener Peshmerga in Düsseldorf

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Die anwesenden Êzîdînnen nehmen sie zur Seite. Diliar erklärt ihnen, dass sie nicht ohne die Begleitung einer êzîdîschen Frau nach Paris gefahren werden möchte. Sie fühlt sich in der Gegenwart von Männern nicht wohl. Die Frauen erklären sich bereit, Diliar zu begleiten, aber Kamiran K., PDK-Funktionär in Europa, widerspricht: Es gäbe keinen Grund, weshalb eine Êzîdîn mitfahren müsste.

Die Welt solle erfahren, was man ihr angetan hat, was den Frauen und Mädchen, die noch in IS-Gefangenschaft sind, widerfahre, erklärt sie in einem Satz. Die PDK-Funktionäre aber geben ihr die Erklärung vor, die sie vor den europäischen Politikern äußern soll. Sie soll erzählen, wie die IS-Terroristen in ihr Dorf eindringen, ihre Verwandten töten und sie verschleppen konnten. Aber bloß nichts von der Flucht der Peshmerga erzählen, die für ihre Sicherheit verantwortlich waren und die IS-Terroristen über die Êzîden lachten, als sie kampflos in fast jedes Dorf spazierten.

Ein PDK-Funktionär, selbst êzîdîscher Abstammung, nimmt Diliar zu sich, will mit ihr unter vier Augen sprechen. Er erklärt ihr, dass sie alles so erzählen solle, wie es wirklich passiert ist – ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten einer Partei oder Ähnlichem. Auch von der Flucht der Peschmerga. Den Grund, weshalb sie in IS-Gefangenschaft gekommen ist. Ob das wirklich hilft, bleibt fraglich. Übersetzen werden nämlich überwiegend anwesende PDK-PolitikerInnen.

Während der Streit noch im Gange ist, zerrt Kamiran K. die junge Frau in sein Auto und bricht auf in Richtung Straßburg, wo sie wieder von Männern und wichtigen Politikern erwartet wird. Dort soll sie im Europäischen Parlament sprechen. Im Anschluss daran nach Berlin, wo sie erneut vor Politikern treten und von den Verbrechen, dem Genozid, des IS berichten wird.

Wer nun glaubt, Diliar werde hier in Europa geholfen, der täuscht sich. Nachdem sie eine Woche lang für allerlei Persönlichkeiten Türen politischer Büros, Ausschüsse und Parlamente geöffnet hat, wird man sie wieder nach Kurdistan fliegen und sie zurück in ihr Zelt werfen. Ohne, dass sie hier eine medizinische Untersuchung erhält, ohne dass man sie psychologisch betreut, damit sie lernt mit dem Trauma umzugehen, ohne dass man ihr überhaupt eine Perspektive gibt. Diliar hat ihre gesamte Familie verloren, dennoch werden keine Anstrengungen unternommen, sie wenigstens zur therapeutischen Behandlung etwa in Deutschland zu behalten. Diesen Hohn ersparte sich die Êzîdîn, die sich weigerte mitzufliegen.

Und es ist eine Schande, dass sich eine so verdient gemachte Politikerin wie Vian Dakhil und andere an dieser Farce beteiligen.

Faysal Rarbî (li.), HPŞ-Kämpfer in Shingal
Faysal Rarbî (li.), HPŞ-Kämpfer in Shingal

Der Vollständigkeit wegen: Ein verwundeter Kämpfer der Verteidigungskraft Shingals (HPŞ), Faysal Rarbî, landete ebenfalls zusammen mit den Frauen und Männern in Düsseldorf. Verwundet, weil er sich an der Pilgerstätte Sherfedîn in Shingal mit einer Panzerfaust vor die Schergen der IS-Terrormiliz stellte, als diese nur noch wenige Meter vom Heiligtum entfernt waren. Faysal konnte die Terroristen aufhalten, wurde dabei aber schwer verletzt und soll nun in Deutschland behandelt werden. Für ihn interessierte sich jedoch niemand – vermutlich, weil er als Türöffner nicht dienlich gemacht werden kann.

Wer den traumatisierten Frauen und Mädchen helfen möchte, kann dies über die Hilfsorganisation WADI e.V., die sich unter anderem seit Monaten um betroffene Êzîdînnen kümmert.

© ÊzîdîPress, 29. April 2015